Verblondet

Ich bin doch nur blond.

Butterreinfett und Gottesbeweis

Wind und Meer und warmes Gekiesel an den Füßen. Dahinten versinkt Sie, die große Sonne. Der Wind drückt mir die Kleider an den Leib und so lehne ich mich lustbesonnen an ihn. Im Wasser wate ich und die letzten Strahlen auf der Schulter, laufe ich in Richtung Hochhäuser dahin.
Ich krame die Milchschnitte aus meiner Tasche, die Milchschnitte, mit Milch und Honig. Ohne Zusatz von Farbstoffen, Alkohol und Konservierungsstoffen.
Zutaten: frische Vollmilch (40%), pflanzliche Öle, Zucker, Weizenmehl, Magermilchpulver, Honig (5%), Butterreinfett, Volleipulver, Weizenkleie, fettarmer Kakao, Backtriebmittel: Dinatriumdiphosphat, Natriumhydrogencarbonat, Ammoniumcarbonat, Emulgator, Monoglycerine von Speisefettsäuren, Salz, natürliche Aroma, Vanille. Im Jahre 1988 wischte eine Putzfrau, ich entschuldige mich, eine Frau für Raumpflege, das Kunstwerk “Fettfleck” von Joseph Beuys auf. Der Künstler bekam 400.000 Euro Schadensersatz. Am 27. August 2004 passierte einer anderen Frau die für die Raumpflege verantwortlich war ein ähnliches Mißgeschick. Nur war diesmal der Künstler Gustav Metzger betroffen. Die Frau für Raumpflege beförderte ausversehen, nicht mutwillig, eine große Plastiktüte, vollgestopft mit Zeitungen und Pappe (Das Kunstwerk) in den Müll. Dies geschah in der Londoner Nationalgalerie Tate Britain.

Den Strand habe ich verlassen und lehne an einer grauen Fassade eines Touristenbunkers aus dem Fernsehgeräusche zu hören sind. Sie schauen die Fussballweltmeisterschaft 2006 und auf dem Spielfeld tummeln sich die deutschen und die argentinischen Jungs Männer. Ich reiße die Verpackung auf und drücke das gerade Aufgelistete in mich hinein. Die erste Berührung ist die Beste. Es scheint kaum eine zu sein. Neulich habe ich jemanden beim ersten Biss beobachtet. Die Lippen streifen nur ganz leise den braunen Biskuitteig, der das Weiße dahinter umschließt und behütet. Dann tauchen die Zähne behutsam in das Braun und dringen bis zum milchigen Weiß vor. Dieser Biss hinterlässt keine Spuren,es ist ein sanftes Eindringen in das Innere der Milchschnitte.
Ich lese, auf der vom Aufreißen nicht alzu zerstörten Verpackung der Schnitte, dass diese ein zeitgemäßes Lebensmittel ist und ich lese weiter: “die Milchschnitte schmeckt leicht und belastet nicht”. Ich mache mir flüchtige Gedanken über den fettarmen Kakao in mir und über das Magermilchpulver, über das Volleipulver über das Butterreinfett, über den Krieg im Libanon und den Streit um das Atomprogramm des Irans. Ich frage mich, wass mich denn dann belastet, wenn es nicht die Milchschnitte mit dem Dinatriumdiphosphat, dem Natriumhydrogencarbonat, dem Zucker und der Speisefettsäure ist. Ich merke, dass mich gerade eigentlich nichts groß belastet. Und dann kommt doch noch ein Gedanke. Ob es vielleicht komisch sein könnte, dass ich so unbekümmert bin. Ob diese Unbekümmertheit nicht vielleicht sogar an eine pathologische Gleichgültigkeit erinnert. Und dann stelle ich mir die Galubensfrage und kann diese so schnell nicht beantworten. Ich vermag es nicht einen Descartschen Gottesbeweis aufzustellen, indem ich, um nicht in die Irre zu laufen, erst einmal alles bezweifel, auch meine physische Existenz um dann am Ende festzustellen, dass ich im meinem Hirn gefangen bin und nicht hinauskommen kann, weil ich mein Hirn bin. Da mir der Gedanke der Gleichgültigkeit nicht gefällt und ich mich schmerzlich an den Fremden von Camus erinnere, versuche ich doch zumindest mit aller Kraft der Schnitte zu gedenken, die mir den Abend so sonderbar süß gemacht hat.